Grundsätze der

Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldwirtschaft (ANW)

zur Erhaltung und Steigerung der Biodiversität

in bewirtschafteten Wäldern  ( 2010 )

 

 

Bisherige Grundsätze und Leitbilder

 

Die ANW wurde 1950 gegründet in der Erkenntnis, die Kräfte der Natur bestmöglich in die

Waldbewirtschaftung zu integrieren. Dadurch wird eine ökonomische Verbesserung bezüglich

Ertrag, Kosteneinsparung und Betriebssicherheit ebenso erzielt wie die Erhöhung einer

naturnahen Biodiversität. Diese Grundsätze haben unseren Dauerwald gegenüber schlagweisen

Hochwäldern mit Kahlschlägen, Monokulturen und aufwändigen Kunstverjüngungen

klar abgegrenzt. Leitbilder der ANW sind bis heute der gemischte Dauerwald, Naturverjüngung

und Vorratspflege im Rahmen ganzheitlicher Auffassung des Waldes im Sinne einer

naturgemäßen Waldwirtschaft.

 

Zeitgemäße ökonomische und ökologische Neuausrichtung

 

Die ANW tritt für eine ökonomisch, ökologisch und sozial nachhaltige Bewirtschaftung der

Wälder ein. Der von der ANW angestrebte Dauerwald bietet gute Voraussetzungen zur Bewahrung

und Entwicklung der Artenvielfalt in Wäldern. Nur in reifen Wäldern mit Starkholz

können sich differenzierte Lebensräume für eine Vielzahl von Arten durch stufige Strukturen,

Totholz, Höhlenbäume und Horstmöglichkeiten entwickeln. Naturverjüngung in Verbindung

mit intensiver Bejagung sichert den Erhalt einer breiten genetischen Vielfalt der gesamten

Flora. Die ANW-Grundsätze und –Leitbilder sind mit neuen Untersuchungen zum Thema Artenschutz

der letzten 10 Jahre zu verknüpfen.

 

Dies geschieht aus der wohlbegründeten Sorge, dass zunehmend Waldbewirtschaftungsstrategien

gefordert werden, die zu Segregationsmodellen führen und Naturschutz im Wald

auf Schutzgebiete reduzieren.

 

1. Die Pflege des Waldes erfolgt einzelbaumorientiert. Es werden nicht nur zukünftige

Wertholzbäume berücksichtigt, sondern auch künftige Biotopbäume.

 

Begründung:

Neben Wertholzträgern bedürfen auch künftige Biotopbäume einer aktiven Förderung, damit

sie in ausreichendem Umfang dauerhaft zur Verfügung stehen. Frühzeitig werden deshalb

auch nach ökonomischen Gesichtspunkten minderwertige Bäume mit ökologisch wichtigen

Strukturen (Risse, Faulholz, Pilzbefall, etc.) ausgewählt.

 

 

2. Integration von Horst-und Höhlenbäumen und Bäumen mit ökologisch wertvollen

Strukturen (Biotopbäume) in das Pflegekonzept.

 

Begründung:

Zur Sicherung einer ökologisch nachhaltigen naturgemäßen Waldwirtschaft ist die Integration

von Höhlenbäumen, Horstbäumen, Bäumen mit Faulstellen, Rissen, Pilzen oder starken

Totästen eine wesentliche Grundlage. Möglichkeiten zur Anreicherung mit Biotopbäumen

sollen auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse je nach ökonomischen, standörtlichen

und baumartenspezifischen Voraussetzungen genutzt werden.

 

3. Erhaltung und Mehrung alter Wälder, insbesondere alter Laubwälder durch eine

sanfte nachhaltige Nutzung im Zuge der naturgemäßen Waldwirtschaft.

 

Begründung:

In Mitteleuropa gibt es nur noch weniger als 1 Prozent alte Wälder. Insbesondere alte Laubwälder

in der Reife-und Zerfallsphase sind selten. Sie sind ein wichtiges Naturerbe und Lebensraum

für eine Vielzahl vom Aussterben bedrohter Arten. Durch extensive hinhaltende

Nutzung sollen die alten Wälder in ihrer Substanz von Fläche und Vorrat erhalten bzw. durch

naturgemäße Waldbewirtschaftung gefördert werden.

 

4. Belassen von natürlich entstanden Lücken

 

Begründung:

In Waldtypen, in denen eine Vielzahl der lichtliebenden Arten auf besonnte Lücken angewiesen

ist (z.B. Eichenwälder, Bergmischwälder), werden natürliche Lücken belassen. Der natürlichen

Verjüngung derartiger Flächen ist im Sinne der Förderung der Artenvielfalt gegenüber

rascher künstlicher Verjüngung der Vorzug zu geben.

 

5. Förderung von wichtigen oder seltenen Baumarten

 

Begründung:

Entwicklung und Erhalt strukturreicher Mischwälder fördern Baumarten mit überdurchschnittlichem

Beitrag zur biologischen Vielfalt wie Eiche, Aspe, Weide, Tanne, Elsbeere, Speierling,

Ulme oder Eibe.

 

 

6. Anpassung der Schalenwildbestände ist Voraussetzung für die natürliche Verjüngung

der standortgerechten Baumarten und Sicherung der Artenvielfalt im Wald

 

Begründung:

Überhöhte Wildbestände verändern durch selektiven Verbiss das natürliche Baumartenspektrum.

Stark gefährdete Arten wie z.B. Eiche und Tanne werden zu Minderheiten oder

verschwinden ganz und damit auch die an sie gebundenen Arten. Genetische Verarmungen

sind langfristig möglich. Die natürliche Verjüngung der standortgerechten Baumarten ist die entscheidende Grundlage für ökologische Nachhaltigkeit.

 

 

7. Erhaltung der genetischen Vielfalt von Waldbäumen. Keine Verwendung von genetisch

veränderten Organismen.

 

Begründung:

Eine breite natürliche Variabilität ist die Voraussetzung für notwendige Anpassungsprozesse

auf Grund veränderter Umweltbedingungen. Insbesondere artenreiche und kontinuierliche

Naturverjüngung gewährleistet eine nachhaltige, natürliche, genetische Vielfalt. Genetisch

veränderte Organismen sind abzulehnen, da ihre Auswirkungen auf das komplexe Ökosystem

Wald nicht kalkulierbar sind.

 

8. Verwendung angepasster Forsttechnik und Holzernteverfahren

 

Begründung:

Waldböden sind von Natur aus hoch komplexe Lebensräume. Durch flächige Bodenverdichtung,

Bodenbearbeitung oder Kahlschlag kommt es zu nachhaltigen Veränderungen des

Stoffkreislaufes, Wasserhaushaltes sowie des Vorhandenseins verschiedenster Individuen.

Im Interesse der ökonomischen und ökologischen Nachhaltigkeit gilt es, vorausschauend

nach dem Vorsorgeprinzip zu handeln.

 

 

Zusammenfassung

 

Nach Grundsätzen der ANW bewirtschaftete Wälder bieten mit ihren Kernelementen

 

-Reifes Alter und Starkholzreichtum

-Naturverjüngung und angepasste Wildbestände

-Mischung und Strukturvielfalt

 

einzigartige Möglichkeiten zum Erhalt und zur Entwicklung der Artenvielfalt.

Der am stärksten gefährdete Teil unserer Wälder, nämlich reife Lebensgemeinschaften mit

ihren typischen Strukturen, profitiert dabei in besonderem Maße von der naturgemäßen

Waldbewirtschaftung.

 

Die flächige Integration ökologischer Forderungen in die Bewirtschaftung der Wälder ist ein

klares Kontrastprogramm zu der gegenwärtig zu beobachtenden Segregation in ökonomisch

ausgerichtete Forsten und Schutzgebiete. Schutzgebiete allein können die Artenvielfalt unserer

Wälder nicht sichern, sie müssen zwingend durch Maßnahmen des integrativen Waldmanagements

vernetzt und ergänzt werden.

 

Die Mitglieder der ANW leisten mit ihren Publikationen, Vortragsveranstaltungen und Exkursionen

einen wesentlichen Beitrag dazu, dass Fragen der Biodiversität bei der Bewirtschaftung

der Wälder mehr Beachtung finden.

 

Die ANW will dazu beitragen, dass Konzepte, die eine Integration der ökologischen Nachhaltigkeit

Fördern, weiterentwickelt werden.

 

Mit dieser Weiterentwicklung ihrer Grundsätze möchte die ANW gleichzeitig als Fachforum

für eine Diskussion um die Integration ökologischer Aspekte in bewirtschafteten Wäldern beitragen.